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Samstag, 3. Dezember 2011

Das Reich und die Herrlichkeit



Spätwestern, USA 2000
Regie: Michael Winterbottom
Darsteller: Peter Mullan, Wes Bentley, Sarah Polley, Nastassja Kinski, Mila Jovovich


Zusammen mit einem Trupp der Central Pacific Railroad, die eine Bahnstrecke vermessen und verlegen sollen, erreichen die schwerkranke Elena und ihre Tochter mit dem verheißungsvollen Namen Hope das Städtchen Kingdom Come. Dort wacht der ansässige Patriarch Dillon mit scharfem Auge über das rege Treiben, sorgt selber für Recht und Ordnung, und nimmt das Gesetz in die eigenen Hände. 


Im Saloon wird gesungen und getanzt, gelacht und geliebt. Die ortseigenen Prostituierten werden angeführt von Lucia, die mit Dillon eine feste Liaison verbindet. Doch mehr und mehr wirbt Dillon um Elena, und so kommt dann ein Familiengeheimnis zutage, das vergessen werden wollte. Lucia muß den Platz an Dillons Seite frei machen für Elena, die Dillon gegen Ende ihres Lebens noch ehelichen möchte.
Und während sich zwischen einigen Bahnmitarbeitern und Prostituierten Liebesgeschichten anbahnen, rollt die Familientragödie unabwindbar auf Hope zu.


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Mit "Das Reich und die Herrlichkeit" ist Winterbottom ein Spätwestern der ganz besonderen Art gelungen: mit stillen und sehr emotionalen Bildern hat er eine Szenerie eingefangen, die zwar in das Thema der damaligen Zeit paßt (der Goldrausch, der allgegenwärtig scheint), die jedoch ebenso gut ein tragisches Gemälde der heutigen Zeit sein könnte, ein Thema also zeitlos traurig und erschütternd. Die Familie, die von einem habsüchtigen Mann an einen Fremden verschachert wird, und der letztendlich von Reue zerfressen ist und keine Freude am Leben empfinden und ebensowenig spenden kann. Diese Geschichte bietet ein Schuld-und-Sühne-Drama in traditionellem Sinne. 


Dillon, ruhig und souverän verkörpert von Peter Mullan, dem die Rolle wie auf den Leib geschrieben scheint: mit scheinbar unbeweglicher Miene und Bände sprechendem Augenausdruck mimt er den einst habgierigen und egoistischen, nun aber von nagenden Schuldgefühlen geplagten Patriarchen, der alles tun würde, um seine Schuld wiedergutzumachen. 


Sarah Polley gibt die liebende, sorgsame Tochter, die ihre Mutter über alles liebt und alles tun würde, um ihr die Schmerzen zu nehmen und ihr die letzte Zeit auf Erden zu erleichtern. Ihr wunderbares Mimenspiel und ihre eindringliche Art, mit der sie die Rolle verkörpert, bringen einem das Leid der jungen Frau nahe und lassen einen mitfühlen und -leiden. Polley vermittelt als Hope eine junge Frau, die nach außen hin zerbrechlich scheint, doch innerlich eine ungeahnte Kraft und Stärke besitzt. 


Allesamt ist hier die Darstellerriege fantastisch ausgewählt und besetzt: sei es die langsam sterbende Elena, intensiv gespielt von Nastassja Kinski; der von Wes Bentley dargestellte Landvermesser Dalglish, der für die sensible Hope schwärmt, sich aber von den Prostituierten Ablenkung verspricht und schüchterner ist, als es zuerst scheint; oder Milla Jovovich als Lucia, die Liebe für Dillon empfindet, aber ihre eigene Art hat, dies auszudrücken.


In eisiger und starrer Bergkulisse gedreht, entfaltet sich die kühle und befremdliche Saga nach und nach zu einer empfindsamen und unter der Haut brennenden Familientragödie, die nicht kalt lassen kann. Und obwohl der Zuschauer letztendlich um das lang verschwiegene Familiengeheimnis weiß, wirkt die Schandtat, als sie endlich von Dillon ausgesprochen wird, umso tragischer. Dillons Wesen steuert auf das einzig zu erwartende Ende zu - nicht überraschend, dennoch grandios in Szene gesetzt und mit einem Funken von Wehleidigkeit seitens des Zuschauers. Kämpft doch der starke und scheinbar unbrechbare Charakter gegen seine Schuldgefühle bis zuletzt an, und die Hoffnung des Zuschauers auf eine Art von "Happy End" steigt im selben Maße wie Dillons Verzweiflung. 


Am Ende dann, beim kleinen Trauerzug, auf dem auch Lucia endlichen ihren Gefühlen freien Lauf läßt, offenbart sich erneut das erschütternde Gesicht einer von Habgier bessesenen Gesellschaft. Der Zuschauer wird mit einem Gefühl der innerlichen Leere zurück gelassen. Ganz ähnlich, wie sich Hope fühlen mußte, und doch mit einem Gefühl der Hoffnung - wie der Name der jungen Frau schon besagt.


"Das Reich und die Herrlichkeit" ist ein durchweg spannender und tragischer Film, der einerseits nicht so ganz ins Westerngenre paßt, andererseits aber hier genau richtig angesiedelt ist. Das Thema Gold schwebt unheilschwanger und nahezu unausgesprochen über der gesamten Geschichte, manchmal schon fast in Vergessenheit geraten, bahnt es sich wieder den Weg nach oben. Schuld und Sühne, die die Waagschalen wanken lassen und das menschliche Gefüge auseinanderzureißen drohen, geben hier das Hauptthema. 
 Stimmig und dezent eingesetzt auch die Filmmusik von Michael Nyman, der u. a. auch für "Das Piano" und "Der Unhold" komponierte. Manchmal von den Darstellern getragen, manchmal von der seichten Musik unterstrichen, präsentieren sich die Szenen dieses Spätwesterns als gleichweg intensiv und gefühlsbetont. 


Die Darsteller, die Kulisse, die Musik, die Ausstattung an sich bieten hier schon einen absoluten Hingucker. Vereint mit der tragischen Geschichte und der Dramaturgie in den kleinsten Gesten ist dieser Western ein Highlight für jeden Cineasten! 

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